Ihr kommt zum Kindergeburtstag, und dein Sohn klebt an deinem Bein. Die anderen Kinder rennen schon durch den Garten, und er schaut hinter dir hervor und lässt nicht los. Eine Tante geht in die Hocke: „Sagst du mir gar nicht Hallo? Bist du aber schüchtern!“ Er tut dir leid, und ein bisschen peinlich ist es dir auch. Du weißt nicht, ob du ihn ermutigen sollst hinzugehen oder ob du ihn lässt, wo er ist.
Was normal ist
Schüchternheit ist in der Kindheit sehr häufig. Die Amerikanische Akademie für Kinderheilkunde (AAP) erinnert daran, dass die meisten schüchternen Kinder so auf die Welt kommen, auch wenn manche erst nach schwierigen Erfahrungen schüchtern werden. Und dass die meisten gut mit anderen zurechtkommen, sobald eine erste Eingewöhnungszeit vorbei ist. Mehr Aufmerksamkeit verdient es, wenn es einem Kind auch danach noch schwerfällt, Freunde zu finden (AAP, zur Schüchternheit bei Kindern). An einem neuen Ort kann diese Zeit Wochen dauern.
Bei den meisten Kindern gehört die Schüchternheit zum Temperament: Manche Kinder gewöhnen sich langsam an neue Orte und Menschen und tauen auf, wenn ihnen die Umgebung vertraut wird. Deshalb kann dasselbe Kind, das beim Geburtstag dein Bein nicht loslässt, bei Oma und Opa ohne Punkt und Komma reden. Für diese Kinder rät die AAP, Neues nach und nach einzuführen, es ihnen vorher zu erzählen und sie in ihrem eigenen Tempo vorangehen zu lassen (AAP, zum Temperament).
Wächst sich das aus?
Bei vielen ja, bei anderen nicht ganz. Laut AAP lernen viele schüchterne Kinder mit der Zeit, mit ihrer Schüchternheit umzugehen, auch wenn sie sich innerlich weiter schüchtern fühlen. Andere stehen auch später lieber nicht im Mittelpunkt. Beides ist in Ordnung.
Die längsten Studien wurden mit einer Minderheit gemacht: mit Kindern, deren Schüchternheit sehr ausgeprägt war und im Labor gemessen wurde. Selbst in dieser Gruppe, deren Risiko für Ängste über dem Durchschnitt liegt, entwickelt mehr als die Hälfte keine (Fox und Kollegen, 2023). Ganz gewöhnliche Schüchternheit ist etwas anderes.
Was hilft und was nicht
Eine Studie begleitete 108 Kinder von 2 bis 4 Jahren. Die Kinder, die mit 2 Jahren anderen Kindern gegenüber schüchterner waren, waren es mit 4 tendenziell immer noch, vor allem wenn ihre Mütter (die Studie beobachtete nur Mütter) sie lenkten, ihnen Dinge abnahmen oder spöttisch mit ihnen sprachen (Rubin und Kollegen, 2002). Das sind Daten über Zusammenhänge, und eine neuere Übersichtsarbeit gibt zu bedenken, dass es in beide Richtungen geht: Ein sehr ängstliches Kind bringt auch die Erwachsenen dazu, es stärker zu beschützen.
In diesen Untersuchungen gilt Überbehütung als Teil desselben kontrollierenden Verhaltens. Dem Kind Dinge abzunehmen oder ihm immer zu ersparen, wovor es Angst hat, verschafft ihm im Moment Erleichterung, trägt aber dazu bei, dass die Angst bleibt. Was die Übersichtsarbeit als schützend vorschlägt, vorerst noch als Hypothese: das Kind sanft zu ermutigen und es so anzunehmen, wie es ist.
In einer Studie nahmen die Eltern von 146 sehr gehemmten Kindern im Vorschulalter an einem Gruppenprogramm mit sechs Sitzungen teil. Dort lernten sie unter anderem, ihre Kinder nicht zu überbehüten und ihnen zu helfen, sich nach und nach dem zu stellen, wovor sie Angst hatten. Drei Jahre später hatten diese Kinder weniger Angststörungen als die Kinder der Gruppe, deren Eltern nicht teilgenommen hatten, obwohl sie nicht weniger schüchtern waren (Rapee und Kollegen, 2010). Das lässt sich nicht eins zu eins auf jedes schüchterne Kind übertragen, weist aber in dieselbe Richtung wie der Rat der Kinderärzte: Es geht nicht darum, den Charakter des Kindes zu ändern.
Wie du dein Kind begleiten kannst

Sei früh da und schau mit ihm zu. Ein Geburtstag mit drei Kindern macht weniger Angst als einer mit dreißig. ZERO TO THREE, eine Organisation für die frühe Kindheit, schlägt für den Spielplatz etwas Ähnliches vor: eine Weile gemeinsam zuschauen und, wenn du merkst, dass es entspannter ist, etwas Konkretes vorschlagen, etwa zur Schaukel zu gehen (ZERO TO THREE, zu schüchternen Kindern).
Erzähl ihm vorher, was passieren wird, und übt es zusammen. Wer da sein wird, was ihr machen werdet, wie lange ihr bleibt. Die AAP schlägt außerdem vor, zu Hause zu üben, was es sagen oder tun kann (AAP, zu einem Mädchen, das bei Fremden sehr schüchtern ist). Ein Hallo, das mit dem Kuscheltier geübt wurde, kommt an der Tür leichter über die Lippen.
Ein kleiner Schritt, ohne ihm alles zu ersparen. Zur Begrüßung winken, ein paar Minuten bei einer einzigen Sache mitspielen, dem Geburtstagskind das Geschenk geben. Geburtstage immer auszulassen, macht es ihm heute leichter und beim nächsten Mal schwerer. Besser ist es, eine Weile hinzugehen, in der Nähe zu bleiben und dir vorher zu überlegen, wie ihr notfalls wieder geht.
Kleb ihm kein Etikett auf, wenn es zuhört. ZERO TO THREE rät davon ab, es anderen als „schüchtern“ vorzustellen. Studien, die das messen, gibt es nicht, aber das Etikett lässt sich leicht durch etwas ersetzen, das dein Kind nicht in eine Schublade steckt: „Er schaut gern erst eine Weile zu, bevor er mitmacht.“
Wenn ein anderer Erwachsener Druck macht, halte zu deinem Kind. „Gibst du mir kein Küsschen?“ ist für ein Kind, das noch beobachtet, ganz schön viel verlangt. Du kannst ihm Zeit verschaffen: „Er schaut gerade zu. Er sagt schon Hallo, wenn er mag.“ Wenn es jemand aus der Familie ist, der das immer wieder tut („So ein Langweiler!“), reicht es im Moment, das ohne Diskussion ins Positive zu drehen („Er schaut gern erst zu, dann taut er auf“), und der Person später unter vier Augen zu erklären, was deinem Kind hilft. Wie du es selbst wählen lässt, wie es jemanden begrüßt, darüber schreiben wir in „Um Erlaubnis bitten und ein Nein respektieren“.
In Kita und Schule: ein Kind nach dem anderen. Erzähl der Erzieherin, dem Erzieher oder der Lehrkraft, wie dein Kind ist und was ihm hilft, und frag nach, wie es dort zurechtkommt: ob es spricht, ob es mit jemandem spielt. Du kannst versuchen, ein Kind aus seiner Gruppe oder Klasse zu euch nach Hause einzuladen: Auf vertrautem Terrain und zu zweit fällt es ihm vielleicht leichter, und am nächsten Tag sieht es dort schon ein bekanntes Gesicht. Die AAP weist darauf hin, dass ein gemeinsames Interesse manchmal genau das ist, was Kinder brauchen, um mit anderen Kindern ins Gespräch zu kommen.
Würdige das Konkrete. Ein Satz wie „Du hast Mia Hallo gesagt, obwohl es dir am Anfang schwergefallen ist. Das habe ich gesehen“ sagt ihm genau, was es gut gemacht hat. Wenn es ihm peinlich ist, dass andere es mitbekommen, dann lieber auf dem Heimweg als vor allen. Und wenn es ihm außerdem schwerfällt, Neues auszuprobieren, findest du in „Mein Kind hat Angst, Neues auszuprobieren“ weitere Ideen.
Wann du es in der Kinderarztpraxis ansprechen solltest
Sprich es an, wenn es mit der Zeit nicht besser wird, wenn dein Kind bei Fremden oder ohne dich in seiner Nähe viel mehr Angst hat, als es in seinem Alter üblich ist, oder wenn es dir traurig oder ängstlich vorkommt (AAP, zu einem Mädchen, das bei Fremden sehr schüchtern ist). Ebenso, wenn es sich plötzlich verändert hat: Früher ist es problemlos auf andere zugegangen, und jetzt zieht es sich zurück, auch wenn du nicht weißt, warum. Sprich es auch an, wenn es nach der Eingewöhnungszeit in der Gruppe oder Klasse immer noch mit niemandem Kontakt hat. Und wenn die Schüchternheit es daran hindert, Dinge zu tun, die zu seinem Alter gehören, sollte sich eine Kinderpsychologin oder ein Kinderpsychologe das genauer ansehen.
Es gibt einen Fall, der mit Schüchternheit verwechselt wird, aber keine ist: selektiver Mutismus. Das ist eine Angststörung. Das Kind spricht zu Hause ganz normal, kann aber an bestimmten Orten nicht sprechen, fast immer in Kita oder Schule. Das dauert mindestens einen Monat (zwei, wenn der Ort neu ist) und schränkt das Kind ein. Es ist nicht so, dass es nicht sprechen will: Es kann nicht. Anders als Schüchternheit verschwindet Mutismus nicht, wenn das Kind Vertrauen fasst: Wochen später kann es in der Gruppe oder Klasse immer noch nicht sprechen, obwohl es die Erzieherin oder Lehrerin und die anderen Kinder schon kennt. Der Mutismus beginnt meist in den ersten Lebensjahren und fällt auf, wenn das Kind in die Krippe oder den Kindergarten kommt, manchmal aber erst in der Grundschule. Er betrifft etwa 1 von 140 kleinen Kindern (NHS, zum selektiven Mutismus). Wenn du einen Verdacht hast, sprich es in der Kinderarztpraxis an, ohne abzuwarten, ob es sich von selbst gibt.
Wenn dein Kind die Sprache von Kita oder Schule gerade erst lernt, ist es normal, dass es dort anfangs schweigt, und das allein ist noch kein Mutismus. Ausschließen sollte man ihn aber auch nicht, denn er kommt bei Kindern, die erst vor Kurzem aus einem anderen Land gekommen sind oder zu Hause eine andere Sprache sprechen, etwas häufiger vor. Der Unterschied: Das Kind kann dort auch in der Sprache nicht sprechen, die es gut beherrscht. Es spricht zum Beispiel nicht einmal mit dir, in eurer Sprache, wenn andere dabei sind (ASHA, zum selektiven Mutismus).
Ein Glühwürmchen, das sein Licht kleiner machte
In Eine Nacherzählung von Aschenputtel, einer Geschichte für Kinder von 6 bis 8 Jahren, ist Ceni ein Glühwürmchen mit einem großen, warmen Licht. Schüchtern ist sie nicht von Geburt an: Sie hält ihr Licht immer ganz klein, weil ihre Stiefmutter und ihre Stiefschwestern ihr zu Hause ständig sagen, dass sie blendet. „Mach es kleiner“, sagen sie zu ihr. Beim Tanzfest drückt sie sich an die Wand, ihr Licht ist fast aus. Als sie es aus Versehen loslässt, wird der ganze Stamm hell, und vor Scham geht ihr Licht aus.
Da applaudiert der ganze Stamm und wünscht sich das Licht zurück, und jemand, der die ganze Nacht im Dunkeln neben ihr getanzt hat, hält ihr die Hand hin: „Wollen wir tanzen?“ Am nächsten Tag, in ihrem Garten und mit nur einer Freundin, beim Versteckspielen, lässt Ceni ihr Licht leuchten, ohne darüber nachzudenken.
Der Leitfaden zur Geschichte in der App schlägt eine Frage für die Zeit nach dem Lesen vor: „Was kann jemand tun, damit es dir leichter fällt mitzumachen?“

Eine Nacherzählung von Aschenputtel
Das Licht, das du in dir trägst
Ceni ist ein Glühwürmchen, das zwischen den Wurzeln eines alten Baumes Nachtblumen pflegt. Ihr Licht ist groß und warm, doch sie hält es klein, weil man ihr zu Hause sagt, es störe und niemand werde in ihrer Nähe sein wollen. Als auf der Wiese ein Tanzfest angekündigt wird, mischt sich die Lust, dabei zu sein, mit der Angst, aufzufallen. Diese Nacherzählung von Aschenputtel erkundet, was wir fühlen, wenn wir mitmachen möchten und uns zugleich vor Ablehnung fürchten.
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