Brita, eine kleine Ziege mit cremefarbener Weste und senfgelber Schürze, steht uns zugewandt unter einem aufgespannten Regenschirm aus echtem Stoff und ist trocken; links und rechts von ihr, ebenfalls unter dem Schirm, stehen ein Entenküken und ein Eichhörnchenkind, noch nass von vorhin und ganz unbekümmert. Dahinter liegt die Dorfstraße im Regen, mit den Marktständen und den durchnässten Nachbarn, die dort stehen.
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Eine Nacherzählung von „Des Kaisers neue Kleider“

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So beginnt die Geschichte

An diesem Morgen roch der Marktplatz nach warmem Schmalzgebäck und frisch geschnittenen Blumen. Die Trompeten schmetterten. Das ganze Land war gekommen, um den Kaiser vorbeiziehen zu sehen. Er war ein Pfau und so elegant, dass er sich siebenmal am Tag umzog.

Angefangen hatte alles eine Woche vorher, als zwei Elstern mit einer Schachtel aus Samt in den Palast kamen. „Wir bringen die neueste Mode aus dem Nachbarland“, sagten sie. „Hier trägt sie noch niemand. Sie wären der Erste.“ Dann senkten sie die Stimme: „Aber Achtung: Diesen Stoff sehen nur die ganz Klugen.“

Der Kaiser schaute in die Schachtel und sah nichts: nur Luft. „Bin ich etwa der Dumme?“, dachte er. Dann riss er die Augen weit auf und sagte: „Was für ein schöner Stoff!“ „Wunderschön!“, sagte ein Diener. „So einen habe ich noch nie gesehen!“, sagte der andere. Und das stimmte.

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Illustration aus Eine Nacherzählung von „Des Kaisers neue Kleider“ — 1
Illustration aus Eine Nacherzählung von „Des Kaisers neue Kleider“ — 2
Illustration aus Eine Nacherzählung von „Des Kaisers neue Kleider“ — 3
Illustration aus Eine Nacherzählung von „Des Kaisers neue Kleider“ — 4
Illustration aus Eine Nacherzählung von „Des Kaisers neue Kleider“ — 5

Leitfaden für Familien

💭 Worum geht es in dieser Geschichte?

Der Kaiser dieses Landes ist ein eitler Pfau, der eines schönen Tages in einem Umhang, den es gar nicht gibt, zu seinem Umzug aufbricht. Vorneweg geht ein Herold und verkündet, dass nur die ganz Klugen ihn sehen können, und der ganze Platz klatscht für Farben, die in Wirklichkeit niemand sieht. In der Menge steht eine kleine Ziege namens Brita. Sie bekommt keinen Platz in der ersten Reihe, klettert auf den Brunnenrand und schaut. Was sie von dort oben sieht, passt nicht zu dem, was alle sagen. Also geht sie hinunter, um es aus der Nähe nachzuprüfen.

💡 Wusstet ihr schon? Bekannt ist dieses Märchen vor allem in der Fassung, die der Däne Hans Christian Andersen 1837 geschrieben hat. Erzählt wurde es aber schon fünfhundert Jahre früher, und zwar auf Spanisch: Es steht im Grafen Lucanor, dem Buch, das Don Juan Manuel 1335 vollendete. Von Andersen stammt dagegen die Idee, eine kleine Figur laut aussprechen zu lassen, was der ganze Platz verschweigt. Hier übernimmt diese Rolle Brita, die nicht einmal einen Platz gefunden hatte, von dem aus sie gut sehen konnte.

🧠 Was lernen die Kinder?

  • Dass man noch einmal hinschauen kann: Wenn das, was man sieht, nicht zu dem passt, was die anderen sagen, kann man näher herangehen und es nachprüfen
  • Dass Nachprüfen nicht Streiten ist: Brita will niemanden überzeugen und niemandem widersprechen, sie streckt nur ihren Huf aus und schaut, was da ist
  • Dass man rechtzeitig in den Himmel schauen kann, also die Wolken kommen sieht und sich vorbereitet, bevor der erste Tropfen fällt: etwas ganz Praktisches, das Kinder noch am selben Tag tun können, an dem sie das Buch zuklappen
  • Dass Menschen manchmal sagen, dass sie etwas sehen, was sie gar nicht sehen, und zwar nicht aus Dummheit: Niemand ist gern der Einzige, der vor allen aus der Reihe tanzt
  • Dass Erwachsene sich mit großer Sicherheit irren können, noch dazu mit sehr guten Manieren, und dass das nichts an dem ändert, was man selbst nachgeprüft hat
  • Dass man bei dem bleiben kann, was man gesehen hat, ohne dass es jemand bestätigen muss, und einfach mit seinem Tag weitermacht, ohne sich zu ärgern und ohne darauf zu beharren

🤝 Wie lässt sich dieses Gespräch fortsetzen?

  • „Hast du schon einmal etwas gesehen, und alle anderen haben gesagt, es sei anders? Was hast du da gemacht?“
  • „Wenn dir etwas komisch vorkommt, wie könntest du es selbst nachprüfen?“ Brita streitet mit niemandem: Sie geht näher heran und prüft es nach. Das ist der Teil der Geschichte, den man genau so nachmachen kann.
  • „Hast du schon einmal etwas nur gemacht, weil die anderen es gemacht haben? Was ist dir kurz vorher durch den Kopf gegangen?“
  • „Woran merkt man, dass es gleich regnet, noch bevor der erste Tropfen fällt? Was kann man sonst noch kommen sehen, wenn man genau hinschaut?“
  • „Was kann man tun, wenn ein Erwachsener dir etwas ganz sicher erklärt und es für dich trotzdem nicht zusammenpasst?“

🎯 Pädagogischer Schwerpunkt

Diese Geschichte macht am Ende nichts wieder gut: Niemand erkennt an, was Brita nachgeprüft hat, und der Kaiser lernt nichts dazu. Das ist Absicht. Bei dem zu bleiben, was man gesehen hat, auch wenn einem niemand folgt, ist das eine; die anderen zu überzeugen ist etwas ganz anderes, und das Buch verspricht nur das Erste. Es lohnt sich, die Dorfbewohnerin, die sich in die Schlange stellt, liebevoll anzuschauen: Sie ist nicht dumm. Sie schaut auf ihre Kleider, schaut, wer sie gerade anschaut, und macht, was alle machen. Was bleibt, ist kein Satz, sondern zwei ganz konkrete Gesten: noch einmal hinschauen, wenn etwas nicht passt, und rechtzeitig in den Himmel schauen.

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